Hüseyin Cengeri (27): Ich werde gesehen!

Der Wiedereinstieg ins Berufsleben nach einer schweren Krankheit ist nicht immer leicht. Mit wir.Neustarter haben Sie ein starkes Team an Ihrer Seite. Wir schaffen es gemeinsam.

Ich werde gesehen!

Hüseyin Cengeri hat erkannt, welche Berge er versetzen kann. Wir treffen den sehbeeinträchtigten Hessen in einer Praxis des DRK in Hungen, wo er als Physiotherapeut arbeitet. Für ihn ist das nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung. Mit Menschen arbeiten, ihnen helfen, wollte der 27-Jährige schon zu Schulzeiten. Nur: Zugetraut hat ihm das keiner der Lehrer. 

Hüseyin leidet an der seltenen Netzhauterkrankung Zapfen-Stäbchen-Dystrophie, heute hat er noch 1-2 % Sehkraft. Dass er in der Schule immer schlechter sieht und mit dem Lehrstoff nicht hinterherkommt, erkennt niemand. „Können Sie sich vorstellen, was das mit einem Kind macht? Mein Selbstwertgefühl war am Boden“, erinnert er sich.

Kurz nach dem Schulabschluss nimmt sein Leben eine unerwartete Wende. In der blista, dem bundesweiten Kompetenzzentrum für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung in Marburg, lernt er das Netzwerk der Berufsförderungswerke kennen, das gesundheitlich beeinträchtigten Menschen eine Chance auf einen beruflichen Neustart bietet. Er will eine Ausbildung im medizinischen Bereich absolvieren, doch die Lücken aus der Schule sind groß, er hat Probleme mit der Rechtschreibung, dem Lernen und der Organisation. Er gibt dennoch nicht auf. Warum? „Die BFW in Mainz und Düren haben mir Wege eröffnet, die ich vorher gar nicht gesehen habe. Auch die Agentur für Arbeit als Träger hat mich die ganze Zeit über unterstützt und die Kosten übernommen. Ob Arbeitserprobung, Grund-Reha für Blinde oder berufliche Ausbildung: Überall gab es Menschen, die an mich geglaubt haben.“

„Wir verlieren vielleicht unser Augenlicht, aber unsere anderen Sinne werden gestärkt. Für uns öffnet sich eine andere Welt. Wir betrachten das Leben mit unserem Herzen. […] Der Weg ist das Ziel. Oft zählen viele kleine Schritte mehr als ein großer.“

Seine Dozenten und Dozentinnen zeigen ihm, wie er besser lernen kann und bestärken ihn in seinem Wunsch, sich nach der Ausbildung als Masseur und medizinischer Bademeister zum Physiotherapeuten weiterzubilden. Eine Psychologin im BFW Mainz reicht ihm die Hand, wann immer er stolpert. Seine Klassenkameraden im Ausbildungskurs, zum Teil ohne Handicap, akzeptieren ihn so, wie er ist. Mit einem macht er einen 3-Tages-Trip nach Paris, Rom und die Niederlande. 

Auch seine Chefin Christina K. beim DRK setzt sich für ihn ein, macht ihn zum Praxisleiter und unterstützt ihn dabei, die Praxis barrierefrei zu gestalten. 

Und dann gibt es da noch seine engsten Freunde. Er kennt sie seit dem Kindergarten. Sie verreisen zusammen, spielen miteinander und binden ihn überall ein. „Jeder Mensch braucht Wurzeln. Je tiefer die Wurzeln in der Erde verpflanzt sind, desto stärker ist auch der Mensch. Meine Freunde sind Familie – und meine Energiequelle.“All diese Menschen haben ihm geholfen, seine Selbstzweifel zu überwinden und seine eigene Stärke zu erkennen. Er macht anderen Sehbeeinträchtigten Mut: „Wir verlieren vielleicht unser Augenlicht, aber unsere anderen Sinne werden gestärkt. Für uns öffnet sich eine andere Welt. Wir betrachten das Leben mit unserem Herzen.“ Niemand weiß besser als er: Aufgeben ist keine Option. „Der Weg ist das Ziel. Oft zählen viele kleine Schritte mehr als ein großer“, sagt Cengeri lächelnd. Demnächst will er sich in manueller Therapie und neurologischen Techniken fortbilden. In der Praxis warten Patienten auf ihn. Er wird ihnen helfen.